Kulturlichter: Spot an für die Kultur!

Die Juffer

  1. Kapitel: Die Wanderung im Wald

An einem schönen Tag packte ich mein Bündel mit den nötigsten Habseligkeiten zusammen und nahm den nächsten sich bietenden Weg hinab vom Hof meiner Eltern hinein in die Wildnis des Waldes. Endlich wollte ich ihn erkunden, den sagenumwobenen Wilden Wald, von dem die Familie und das ganze Dorf sich so viele Geschichten zu erzählen wussten. Ein Laib Brot und etwas Schinken, dazu eine kleine Flasche Kirschbrand in Stoff gehüllt, welcher an einem langen Stab über meiner Schulter lastete, stieg ich vom Feldweg in den Wald und nahm den ersten Weg, der sich bot. Viele Stunden ging ich so und erfreute mich an den singenden Vögeln, dem Zirpen der Grillen auf der einen oder anderen Lichtung und den weißen Wattewolken, die über den Himmel getrieben wurden. Mit der Zeit klarte es weiter und weiter auf. Der Tag war herrlich und der Duft der Tannen so süß wie selten zuvor.

Am Nachmittag entschloss ich mich zu einer größeren Rast, welcher das Stamperl Kirschbrand und einiges an Schinken und Brot zum Opfer fielen. Den Stock warf ich nun fort und verstaute in meinen Taschen den letzten Rest an Nahrung. Doch wo war ich? Zum Denken blieb kaum Zeit, so fluchs schritt ich wieder aus, ein altes, ländliches Lied über eine Löffelschmiede pfreifend. Es wurde dunkler, bevor ich mir so recht eingestehen konnte, dass ich nicht mehr wusste, welcher Weg nun aus dem großen, endlosen Wald hinaus führen mochte. Die Sonne ging schon unter, und ich hatte gerade entdeckt, dass ich die letzten Stunden immer tiefer in den dichter werdenden Wald geirrt war, statt aus ihm hinaus zu kommen. Die Bäume hier waren moosbedekt und die Wege sehr schmal. Kaum ein Mensch schien in den letzten Jahren hier gegangen zu sein. Mit wachsender Besorgnis setzte ich mich abermals nieder und verzehrte den Rest an Schinken und Brot, den ich noch hatte. Nun dürstete es mich. Immer dem verlockenden Geräusch eines Baches folgend, erreichte ich alsbald ein schönes Flüsslein, an dem ich mich satt trinken konnte. Doch inzwischen war es dunkler und dunkler geworden. Ich folgte dem Bach, der einige Schlenker durch den Wald beschrieb. Das Gelände wurde steiler und bald stieg ich hinab in ein Tal, den wilder werdenden und über Findlinge herabbrausenden Wasserlauf, der mich so erfrischt hatte, nie aus den Augen verlierend. Das Tal schnitt sich steiler und steiler in die Landschaft hinein.

 

  1. Kapitel: Nachts am Weiher

Immer tiefer stieg ich in das Tal hoffend, dass ich nur dem Fluss folgen musste, bis ich wieder auf eine Siedlung oder wenigstens ein von Menschen gebautes Haus stieß. Der Weg war nun sehr unbehaglich und ich wusste schon lange nicht mehr, wie viele Felsen und Findlinge ich schon überklettert hatte, mir ein ums andere Mal den Knöchel stauchend und mit dem Fuß schlenkernd, bis es wieder ging, als ich endlich wie in einem tiefen höllischen Grund ankam, wo der Fluss in einen unergründlichen und tiefen Weiher mündete. Es war der Weiler so pechschwarz, dass es mir Angst und Bange wurde beim bloßen Anblick. Ungeheuerlich dunkel, als fiele alles Sternenlicht hinein, war der Weiher selbst in dieser mondlosen Nacht noch.

Während ich das Gewässer mit müden Beinen umrundete, merkte ich auf meinem Rücken eine Last, die mir bisher noch nicht vorgekommen war. Wie ein Geist, der auf meinem Rücken saß. Doch stelle dir, lieber Leser, meine Pein vor, als ich den Kopf drehend in die hässliche, affenartige Fratze einer Aufhockerin blickte, die ihre Zähne bläckte. Die gelben Augen stierten mich an und durchbohrten mein Herz im Schock. Rasch versuchte ich sie abzuschütteln, doch der Griff um meine Brust ward nur stärker, die Krallen des Wesens schnitten schließlich in meine Brust und so gab ich jeden Versuch auf, es loszuwerden.

Blieb ich stehen, so verdoppelte sich der Aufhockenden Gewicht mit jeder Sekunde und zwang mich in die Knie. So war ich gezwungen, den Weiher zu umrunden, immer mit dem schrecklichen Gespenst auf den Schultern. Der See und seine Ufer ließen einen freien Blick in den Himmel zu und wenigstens ein paar Sterne spendetn fahles, gespentisches Licht. Mehr und mehr Runden drehte ich Unglücklicher indes um den See und ächzte. Mir rann der Schweiß von dem Gewicht des gemeinen Wesens auf meinen Schultern, dessen Atem ich spürte, kalt und wie nicht von dieser Welt. Ein Moder umgab mich und Schauer liefen mir über den schmerzenden Rücken. Ihre Krallen ließen nicht locker. Ich musste gehen, immer im Kreis und blicke verzweifelt in das schwarze Wasser des kleinen, offenbar sehr tiefen Sees.

In diesem Wasser indes bewegte sich der eine und andere gespenstische Schatten. Hier ein Schleier, dort eine fahle Hand. So stiegen sie empor und ließen mich abermals zittern, vor Angst und Kälte, die von jenem Schauspiel ausging. Undinen formten in den Tiefen des Wassers einen Kreis, bald schon aufsteigend aus den dunklen Fluten. Bevor ich unter ihrer Last niederinken musste, lockern sich indes die Krallen der Aufhockerin und mit einem Krächzen sprang sie schließlich in das mich umgebende Dickicht des endlosen Nadelwaldes. Die Undinen stiegen weiter und weiter, schließlich mindestens zu zehnt an das Ufer, an dem ich stand und nicht aus, noch ein wusste. Hinter mich blickte ich in den Wald. Wo waren der Fluss und der Weg hin, die mich an diesen Ort gebracht hatten? Ich konnte nichts entdecken als stechenden Ginster, Dornenhecken aus Brombeerbüschen und Dickicht. Dahinter und darüber die dicken, alten Baumstämme und Kronen der Tannen und Fichten des Waldes.

Den Blick wieder zum See wendend riss ich vor Schreck die Augen auf, so groß waren die Gestalten der Wassergeister geworden. Bald standen sie in einem Kreis um mich auf dem Weg und zwei von ihnen, wie mir am nächsten waren, ergriffen meine Hände mit den ihren. Sie waren eiskalt. Sie stimmten ein Lied an, das schrecklichste Geheul voll trostloser Melodien, welches ich je gehört hatte und ergriffen mich, um am moosbedeckten, steinigen Ufer einen Reigen zu tanzen. Als nächstes wirbelten sie mich herum, sodass ich kaum mehr Luft holen konnte und nur wünschte, diese Tortour möge endlich vorüber sein. Einen derartigen Tanz hatte ich noch nie vollführt, mir nicht einmal in meinen schrecklichsten Träumen vorstellen können. Würden sie jemals endigen, mich mit herumzuzerren auf meinen schmerzenden Füßen? Die Undinen kreischten und zogen an meinen Haaren, rissen mir gar welche aus, was mich mit stechenden Schmerzen erfüllte. Erst als ich ganz erschöpft war, ließen sie mich los und zogen leiser werdend, als hätten sie nun selbst es mit der Angst zu tun, in den abgrundtiefen See hinein, der sie ergriff und schluckte. Bald waren nur noch kleine Wellen auf dem trüben Wasser zu sehen. So saß ich auf dem klammen Moos, rieb meine geschundenen Füße und Beine und betrachtete wie gebannt den See, während die Bewegungen des Wasser immer weniger wurden.

 

  1. Kapitel: Die Juffer

Wovor, so fragte ich mich, waren die Undinen geflohen? Warum hatten sie ihr Werk nicht zu Ende gebracht? Mich nicht mit in den See gezerrt? Es musste etwas in diesem Wald geben, wovor selbst sie Angst hatten, vielleicht sogar ihre Beherrscherin oder den Gehörnten selbst. Kaum hatte ich diesen unheilvollen Gedanken zu Ende gebracht, als ich eine Präsenz hinter mir in der Schwärze spürte. Mich langsam umdrehend, wurde ich lediglich der dicken, alten Baumstämme und des Stechginsters gewahr. Doch zwischen den Stämmen regte sich etwas. Schwebend zu mir. Es war keine Aufhockerin und keine Undine. Es war das Wesen, welches einem alle Hoffnung aus der Seele saugt und einen selbst als Widergänger zurücklässt, oder einen in den Tod treibt ohne die geringste Aussicht auf Rettung. Es war die Juffer!

Schwebte heran und hielt ein Bündel aus tropfnassen Leinen oder Windeln in den Armen. Über und über hingen Schlingpflanzen, sowie welke Teichrosenblätter an dem Bündel herab. Noch erschreckender aber war die Juffer selbst, welche ihr Werk trug. Die Geistergestalt der in Fetzen gehüllten Juffer, halb Skelett, halb fauliges Fleisch, schwebte immer näher und näher zu mir. Ich konnte kaum zu ihrem Haupt blicken. Doch als ich allen Mut aufbringend es dann doch tat, schrie ich laut auf, denn dort, wo der Kopf hätte sitzen müssen, war – nichts! Trotzdem hatte die Juffer mich gewittert und schwebte in kleinen, halben Kreisen und Zickzack um mich her, um mich ganz offensichtlich in das schwarze Wasser des Weihers zu treiben. Voller Panik und zitternd wich ich im Sitzen zurück. Doch schon berührte mein Finger hinter mir den Wasserspiegel. Er war für einen Maitag viel zu kalt und erschrocken zog ich die Hand aus dem Wasser. Nach vorne blickend ward ich der Juffer gewahr, welche geradewegs und als wäre es nicht vorhanden, durch das Dornengestrüpp am Wegesrand glitt. Nun trennte uns nicht mehr viel und ich grub meine Finger in das Moos um mich herum. Doch die Juffer kam unerbittlich näher und so blieb mir nichts übrig als abermals die Hände in den See zu strecken.

Als sie ganz nah war, musste ich schließlich in den See hinter mir steigen. Meine Schuhe und Hosen, ohnehin von den Qualen der Dämonen in dieser Nacht zerschlissen, ließen das kalte, pechschwarze Wasser sogleich an meine frierenden Beine. Immer näher schwebte die Juffer, immer tiefer stieg ich rückwärts in den See, die Augen wie gebannt auf sie gerichtet. Auf die Gestalt, die im zunehmenden Morgenlicht nun langsamer zu agieren schien. Dies gab mir Hoffnung. Wenn es möglich wäre, den ersten Sonnenstrahl zu erleben, so würde die Juffer zweifelsohne geschwächt oder sogar verschwinden. Und tatsächlich: Ihre Bewegungen wurden langsamer. Immer noch bedrohlich, aber weniger entschlossen, als zögere sie, kam sie auf mich zu. Hinter mir ging die Sonne auf, vor mir stand nunmehr die Juffer.

Genau am Ufer stand sie, bückte sich und schob das Bündel, welches sie die ganze Zeit über getragen hatte, in das Wasser und presste es unter Wasser. Doch das Bündel, die Leinen und Tücher lösten sich auf. Es war an seinen Platz zurückgekehrt. Oder hatte sie dem See eine arme Seele übergeben? Als ich noch entgeistert auf die Stelle blickte, an welcher eben noch das Bündel unter der Wasseroberfläche weiß durch das schwarze Wasser geglommen hatte, und nun fort war, ging die Sonne vollends auf. Da wagte ich, aufzublicken. Doch an der Stelle, wo die Juffer gewesen war, war niemand mehr. Keine Juffer und kein Spuk. Immer noch im Wasser stehend, blickte ich in die Leere vor dem See, in den grünen Wald und fragte mich tausend Fragen, und begriff immer noch nicht, dass

 

© Konstantin Plich, 2018