Kulturlichter: Spot an für die Kultur!

Chris Krass und das ungezogene Mädchen

Meine persönliche Kurzfassung von „Shades of Grey“:
Christian Grey ist so atemberaubend schön und faszinierend… wow. Und er hat ein Firmenimperium, ein Riesen-Haus und einen eigenen Helikopter. Er hat mir Klamotten geschenkt und einen Mac und ein Auto, verdammte Scheiße! Einen großen Penis hat er auch – oh… jetzt muss ich gleich erröten und auf meiner Lippe kauen, dann haut er mich wieder bzw. er sagt, dass er mich gerne hauen würde. Dann führt meine innere Göttin alles auf, was sie in der Tanzschule gelernt hat, und mein Unterbewusstsein zeigt ihr seine hässliche Fratze.

Ja, mehr ist es eigentlich nicht. Die Studentin und Ich-Erzählerin Anastasia Steele ergeht sich in  Perfektionshymnen auf Christian Greys Aussehen, Liebeskünste und Reichtum. Wer sich eine SM-Sexszene nach der anderen erhofft, wird enttäuscht: Nur dreimal auf 600 Seiten machen Ana und Christian das, worüber sie 400 Seiten lang diskutieren. Das könnte auch spannend sein, aber der Text macht es dem Leser nicht leicht – mit seinem Adjektivgewitter und ausgelutschten Metaphern.

Beim Lesen habe ich mich auch gefragt, wie ich mich mit Ana Steele identifizieren soll. Ihr Unterbewusstsein vollbringt übermenschliche Leistungen. Außerdem scheint sie vor 13 Uhr nie etwas zu essen, aber wenn Christian ihr Wild und Wein reinquält, findet sie das immer „köstlich“. Auch sonst ist diese junge Frau recht einfach zufrieden zu stellen: Sie hat ständig Orgasmen… dafür aber keinen Computer und keine E-Mail-Adresse, so als Studentin in der westlichen Welt des 21. Jahrhunderts. Trotzdem erkennt man Spuren der Apple-Manie an Anas Schleichwerbung.

Und dann dieser… Christian Grey (Chris Krass)! Der betont zwar gerne seine Arbeitswut, aber davon merkt man nur Telefonieren und Delegieren – zumal er Zeit hat, Anas sämtliche Gewohnheiten zu überwachen. Und natürlich darf das Gewühle in seiner Kindheit nicht fehlen, denn die muss ja an allem Schuld sein.

Ein leidenschaftlich verbundenes Paar, gegensätzliche Bedürfnisse, die der Beziehung im Weg stehen – klingt nach einer Story mit Potenzial. Aber schon die Konstellation „Sie: arm und unerfahren, Er: reich und… na ja“ bringt mich zum Gähnen. Der Schreibstil gibt dem Buch das Letzte. Dafür bleibt mein Daumen unten!

…dies war ein Gastbeitrag von Frau Dr. Winter. Doch auch mich lest ihr hier bald wieder. Euer K.